Auf den Scheiterhaufen mit den Wissenschaftler:innen?!

                                             ein Beitrag von Julia Pielorz, Lore Riße und Lea Schwarze

Eine Person, die über mehr Wissen im Bereich der menschlichen Gesundheit verfügt als andere. Eine Person, die mit diesem Wissen in der Lage ist, Dinge vorherzusehen und diese auch zu beeinflussen. Eine Person, die durch dieses Wissen Macht über Andere hat. Hexe oder Wissenschaftlerin?

Wenn man sich die Geschichte der Hexen ansieht, ist es eine Geschichte der Unterdrückung der Frauen. Stück für Stück wurden den Frauen Rechte entzogen; sie wurden zu einem niederen Objekt degradiert. Ihr Stand in der Gesellschaft wurde bewusst immer schlechter gemacht und ihr Status gegenüber dem männlichen Geschlecht sank unaufhaltsam. Die Entwicklung der Verurteilung der Frau als Hexe und die Jagd nach ihr gründet zumeist auf einer Geschlechterpolitik, die den Mann ins Zentrum der Macht setzt.

Zu Beginn wurde den Frauen immer mehr der Zugang zu ihrem Eigentum und Einkommen verwehrt. Sie verloren Rechte an ihrem Besitz und waren immer häufiger dem Willen eines Mannes unterworfen. Die „Wissenschaft der Sexualität“ wurde bald zur Staatsangelegenheit, das Unterdrücken der Frauen wurde politisiert. Ehebruch wurde auf schärfste verurteilt und die Frauen dafür hart bestraft, während den Männern staatlich finanzierte Bordelle errichtet wurden. Der Körper wurde zum Mittelpunkt der Sozialpolitik, auch durch den Eingriff des Staates in die „reproduktive Funktion“ der Frauen. Ende des 14. Jahrhunderts begannen schließlich, neben der staatlich verwalteten Prostitution, die ersten Hexenprozesse, in welchen den Frauen die Zugehörigkeit einer Sekte der Teufelsverehrerinnen unterstellt wurde. Die Frauen wurden dort wegen dem Verdacht der Kindstötung hingerichtet, da sie jene Kinder, die während oder kurz nach ihrer Geburt starben, angeblich dem Teufel als Opfer darbrachten. Erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Hexenprozesse geführt, in denen Hexen als solche verurteilt wurden.  

Die Hexenjagd war eine bedeutende politische Initiative. So wurden die Lebensmittelrevolten beispielsweise meist von Frauen angeführt und diese galt es zu unterbinden. Die Jagd wird als „das erste vereinheitlichende politische Terrain der neuen europäischen Nationalstaaten […], das erste auf das Schisma der Reformation folgende Beispiel europäischer Vereinigung“ (Federici 2020, 211)  angesehen.

Ebenfalls von Bedeutung ist der Kult um die Hexen und ihren Körper. Neben all den negativen Assoziationen gab es auch durchaus einen Kult um den Körper von Hexen. Es entstand zwischenzeitlich ein Kampf um die Leiche. Bei einer Hexenverbrennung kamen viele kranke Menschen zusammen, um dem Körper der Hexe möglichst nah zu sein, in der Hoffnung, dass die heilenden Kräfte und heilsamen Eigenschaften auf sie selbst überspringen und sie so heilen. Es wurde den Hexen also eine mit ihrem Körper verbundene Magie nachgesagt.

Vor eben dieser Magie hatten der Staat und die Kirche jedoch Angst. „Magie erschien als unerlaubte Machtform und als Mittel, das, was man begehrte, ohne Arbeit zu erlangen“ (Federici 2020, 179). Diese Furcht vor den „Unterklassen“ durchzieht die Geschichte der Hexenverfolgung. „Die Magie beruht auf dem Glauben, dass die Welt beseelt ist, unvorhersehbar, und dass allen Dingen eine Kraft inne wohnt“ (Federici 2020, 217). Die magischen Praktiken wurden als Bedrohung angesehen, die es zu unterbinden und auszulöschen galt. Diese „maleficium“ bedrohten die Kirche, denn sie stellten Wissenschaft der Religion und dem Willen Gottes gegenüber.

Umgang mit einer verurteilten Hexe (https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/index.html Abruf am 22.05.2021)

Zur Autorin von „Caliban und die Hexe“: Silvia Federici

Der Feminismus wird nicht nur als eine Bewegung begriffen, die die Position der Frauen verbessern soll. Sondern als eine Bewegung, die die gesamte Gesellschaft verändert und eine neue Gesellschaft schaffen will: eine, die nicht kapitalistisch ist, die nicht auf der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Natur gegründet ist – und auch nicht auf Krieg.

(Federici im Interview mit Deutschlandfunk Kultur)

Die gebürtige Italienerin Silvia Federici gilt heutzutage schon als Popstar der feministischen Bewegung. Mit ihren mittlerweile 79 Jahren setzt sie sich immer noch für die Rechte von Frauen, aber auch insgeheim für die Gleichberechtigung von Minderheiten ein.

Federici ist ehemalige Professorin für Politische Philosophie und Frauen-Studien und ist heute noch als Aktivistin und Autorin bekannt. Zudem ist sie eine der wichtigsten Vertreterinnen der internationalen Kampagne “Lohn für Hausarbeit”. Gedanken aus zwei ihrer Werke (“Hexenjagd” und “Caliban und die Hexe”) sind in diesen Blogeintrag mit eingeflossen und haben ihn wesentlich beeinflusst. 

Die Geschichte von Monna Gostanza

Die Geschichte von Monna Gostanza aus Libbiano, die mittlerweile als „die Hexe von San Miniato“ bekannt ist, ist ein historisches Beispiel für eine Frau, die verfolgt und schließlich als Hexe verurteilt und hingerichtet wurde.

Monna Gostanza lebte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit war sie der Inquisition wegen Hexerei im Jahre 1594 ausgesetzt. Gostanza arbeitete in ihrem Dorf als Heilerin und Hebamme. Diese Tatsache machte sie in den Augen der Kirche und des Staates zu einer gefährlichen Frau. Sie war in der Lage, Menschen zu retten (zu heilen) oder sie „sterben zu lassen“. Dies wurde ihr – wie allen anderen Hexen auch – als Absicht und Böswilligkeit ausgelegt. Ihr Wissen über Kräuterkunde und Geburtshilfe erschien für viele beängstigend. Der Tod von Neugeborenen wurde ihr als persönlicher Fehler und als Absicht unterstellt. Die Tatsache, dass sie in der Lage war, manche Menschen mit ihrem Wissen zu heilen, andere jedoch nicht, sorgte für Misstrauen unter den Dorfbewohner:innen. Sie wurde beschuldigt, einigen Menschen bewusst die Hilfe beziehungsweise die Heilung zu verwehren. Auch der meist den Hexen unterstellte abgeschlossene Pakt mit dem Teufel und die daraus resultierenden Kräfte, die er den Frauen überschreiben sollte, ängstigten die Menschen. Die toten Neugeborenen wurden – dem damaligen Glauben nach – als Opfer für den Teufel von den Hexen dargebracht. Somit unterstand jedem Tode eines Kindes bei oder kurz nach der Geburt nicht nur der Verdacht, dass Gostanza einen Fehler gemacht habe – bewusst oder unbewusst – sondern auch, dass sie dieses dem Teufel als Opfer darbringen wollte. Aus dieser Angst heraus war es für den Inquisitor Mario Porcacchi eine einfache Angelegenheit, die Dorfbevölkerung gegen Monna Gostanza aufzubringen, sie zu verfolgen und sie ihm schließlich auszuliefern. Gostanza kam vor den Gerichtshof und musste sich der Folter unterwerfen. Durch eben diese Folter gestand die ca. 60 Jahre alte Monna Gostanza letztendlich die ihr vorgeworfenen Dinge. Sie bekannte sich zur Hexerei beziehungsweise viel mehr zum Teufel und dazu, eine Satansverehrerin zu sein. Nach ihrem abgelegten Geständnis wurde sie verurteilt und als Strafe hingerichtet.

Filmplakat (https://en.wikipedia.org/wiki/Gostanza_da_Libbiano Abruf am 22.05.2021)

Die Geschichte von Monna Gostanza wurde unter dem Titel „Gostanza de Libbiano“ im Jahre 2000 unter der Regie von Paolo Benvenuti in Italien verfilmt. Auch wenn der Film nie in den Kinos gezeigt wurde, gewann er den „Locarno 2000 Spezialpreis (Crossair Prize)“. Der bewusst in Schwarz-Weiß gehaltene Film ist in original italienischer Sprache auf YouTube abrufbar: (letzter Abruf am 16.04.2021)

andere Filmplakatversion (https://www.mymovies.it/dizionario/recensione.asp?id=33128 Abruf am 22.05.2021)

„We are the daughters of the witches you couldn’t burn“

Auch heutzutage gibt es Menschen, die sich beispielsweise als Hexen, Hexer oder Wicca bezeichnen. Dabei kann sich das ‘Hexendasein’ in verschiedenen Praktiken oder Lebenseinstellungen ausdrücken, welche allerdings “mehr mit Kräuterkunde, Orakellehre und dem Kartenlesen” (hexe-isabeau 2019) zu tun haben. Die Bezeichnung als Hexe* ist aber hierbei selbstbestimmt; sie passiert meist im Sinne des Feminismus, um das Bild der Hexe* im gesellschaftlichen Sinne zu verändern. “Während man früher aus Bosheit jemanden als Hexe bezeichnete, ist der Begriff heute eine positive Selbstbezeichnung von Frauen. Sich als Hexe zu bezeichnen soll signalisieren: Ich bin als Frau stark, selbstbestimmt und selbstbewusst” (Rogenmoser). Ebenfalls wichtig zu erwähnen ist, dass es keine Vereinigung der Hexen* gibt, sondern alle als Individuen gelten und deshalb nicht vereinheitlicht oder theorisiert werden sollen.

WITCHES – A poem by Fleassy Malay (letzter Abruf am 22.05.2021)

Deshalb gelten die folgenden Stimmen verschiedener Hexen* als Beispiele, sollen aber nicht für das generelle Wesen einer Hexe* sprechen. Auch wird hier von den ‘Wicca’ unterschieden; die Anhängenden der Religion und der Praktiken des ‘Wicca’ verehren weibliche Göttinnenwesen eher als die männlichen und sind stark im Feminismus verankert. Die Grundziele der Wicca sind eine positive Einstellung zur Natur, die Verfechtung der Rechte der Frauen* und das Bewerben und Praktizieren von positiven Energien. Hexen* hingegen gehören keiner Religion an, sondern sind vielmehr auf das Lebensgefühl als Hexe* bedacht.

The Granddaughters of The Witches That They Didn’t Burn | Spoken Word | Najite Phoenix (letzter Abruf am 22.05.2021)

Es gibt Unterscheidungen zwischen ‘weißer’ und ‘schwarzer Magie’. Die Hexen*, die ‘weiße Magie’ praktizieren, konzentrieren sich vor allem darauf, moralisch gesehen das Richtige zu tun und positive Energien zu verteilen. Vor allem stehen hier die Selbstverbesserung und die Gleichberechtigungsbewegung im Vordergrund, welche mit den angewandten Praktiken ausgelebt werden sollen. “Weiße Magie bricht die negativen Blockaden und holt das Positive aus einem heraus.” (Schott 2019)
Die Thematik der ‘schwarzen Magie’ sorgt für eine Unterteilung der Menschen, die sich als Hexe* identifizieren. ‘Schwarze Magie’ wird oft als verletzend, destruktiv oder bösartig dargestellt, weswegen es schnell mit dem Satanismus in Verbindung gebracht wird. (Wichtig: Das MUSS nichts miteinander zutun haben!) Der ‘schwarzen Magie’ dienen Selbstverbesserung und Selbstempowerment als Grundlage, was in etwa dieselben Grundlagen wie die der ‘weißen Magie’ sind, nur dass die Ausübungen und Praktiken anderer Natur sind.

N’ganga Makhosi, eine Hexe aus Los Angeles, fühlt sich von den Medien nicht angemessen repräsentiert, da diese den Fokus stark auf die Darstellung der schwarzen Magie (Flüche, Tieropferungen oder das Anrufen (böser) Geister) legen. Makhosi wünscht sich eine Repräsentation der Tradition und der Varietät, die mit diesen Praktiken einhergeht. “I wish they would show the doctors, the teachers, the preachers”. (Bell 2020)

Andererseits gibt es einige Stimmen, wie die von Meliha Guri, welche sich nicht mit dem Wort Hexe identifizieren, die Praktiken aber ausleben. Guri zufolge wird man “immer noch in der Gesellschaft belächelt […],wenn man in diesem Bereich tätig ist und in die Esoterik und den Aberglauben abgeschoben” (Danetzy 2020). Ihr zufolge gibt es auch keinen Leitfaden, nach dem eine Hexe handeln soll, sondern die Handlungen sind sehr individuell und gefühlsgeleitet. Hierbei lässt sich auch anmerken, dass es verschiedenste Gründe gibt, diese Lebenseinstellung auszuüben, seien es Esoterik, Alternativmedizin und damit verbunden der Glaube an die heilenden Kräfte der Natur, aus feministischen Beweggründen oder anderem. 

Dem Mythos, dass Hexen mit dem Teufel tanzen und nur schwarze Magie praktizieren, versuchen die Anhänger:innen des Modernen entgegenzuwirken.

Hexerei, Geschlechter & Marxismus | Philosophy Tube (letzter Abruf am 22.05.2021)

Auch in der Kunst ist dies Thema. Hier ein Blogbeitrag von Performance-Künstler und Autor Dennis Cooper https://denniscooperblog.com/witches/

Die heutigen Wissenschaftler:innen als moderne Hexen?

Neben diesen Versuchen der positiven Konnotation von Hexen gibt es in einigen Ländern auch heute noch Hexenverfolgungen, welche vor allem auf politischen Gründen beruhen. Frauen werden dort aufgrund in einigen Religion wieder aufkeimender frauenfeindlicher Denkweisen gejagt und verfolgt. Solche “neuen” Hexenverfolgungen finden zum Beispiel in Tansania statt, wo in manchen Jahren mehr als 5.000 Frauen jährlich als Hexen ermordet werden (vgl. Federici 2019, 12). Auch in der zentralafrikanischen Republik füllen als Hexen beschuldigte Frauen ganze Gefängnisse. In Neapel, Papua-Neuguinea, Saudi-Arabien und einigen “Stammesgebieten” Indiens finden ebenfalls Hexenverfolgungen statt. Genauso gibt es in diesen Regionen allerdings auch Aufklärungsversuche durch Frauen, die Widerstand leisten.

In der heutigen westlichen Gesellschaft gibt es keine öffentlichen Hexenjagden mehr. Stattdessen machen es sich einige feministische Ansätze zum Ziel, das Bild der Hexe umzuschreiben. 

Durch Aufklärung und Bildung sorgte vor allem die Wissenschaft für Fortschritte in der modernen Gesellschaft. Doch die heutigen technologischen und auch medizinischen Möglichkeiten wären in der Vergangenheit noch als Magie verurteilt worden. Trotz der Verfolgungen der Hexen aufgrund ihres Wissens, mit welchem eine gewisse Macht einher ging, gelang es anderen Menschen, von ihrem Wissen Gebrauch zu machen, um die Gesellschaft zu verändern. Mittlerweile genießen Wissenschaftler:innen das Vertrauen des Großteils der Menschen, was bis hin zu einer gewissen Abhängigkeit führt, da bestimmte für unser heutiges Leben notwendige Funktionsweisen (ob nun im technischen, medizinischen oder einem anderen Bereich) nur noch von Wissenschaftler:innen verstanden werden. Obwohl sie auch heute noch in einigen Kreisen angezweifelt werden, genießen Wissenschaftler:innen als Expert:innen in ihrem jeweiligen Gebiet großes Vertrauen insbesondere bei den Regierungen, welche die maßgeblichen Entscheidungen treffen und somit eine führende Position einnehmen. Das verleiht der Wissenschaft viel Einfluss, welcher nur von wenigen Menschen angefochten wird.

Damit stellt sich die Frage, inwiefern die heutigen Wissenschaftler:innen mit den damaligen Hexen in Verbindung gebracht werden können, welche unter anderem aufgrund ihres Reichtums an Wissen verfolgt wurden. Welchen Unterschied gibt es zwischen den Wissenschaftlerinnen von heute und den Hexen von damals? In welchem Maß sind auch Frauen an dem Einfluss der Wissenschaft beteiligt? Um diese Fragen zu beantworten, bedarf es zunächst eines genaueren Blicks auf die Situation und Position der Wissenschaft in der heutigen westlichen Gesellschaft und auf die Entwicklung der Frauen in dieser:

Zwischen der Hexenverfolgung im 15. und 16. Jahrhundert und der ersten weiblichen Professorin im Jahr 1923 liegen einige Jahrzehnte. Doch noch im Jahr 1944 gelang es der Regierung in Großbritannien, eine Frau als Hexe für neun Monate ins Gefängnis zu sperren, um sie daran zu hindern, Staatsgeheimnisse zu verbreiten. Der damals noch geltende “Witchcraft Act”, ein Anti-Hexereigesetz, wurde erst im Jahr 1951 endgültig abgeschafft. (mehr dazu: https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/pwiederletztehexenprozesseuropas100.html)

Frauen mit Wissen, das ihnen Macht verleiht, werden heute zwar nicht mehr verfolgt, sind im Vergleich zu den Männern allerdings immer noch in der Unterzahl. Im Jahr 2016 liegt der Anteil der Frauen in der Wissenschaft laut dem UNESCO-Institut für Statistik weltweit bei nur 29,3%, wobei zusätzlich die Spitze der Forschungsinstitute hauptsächlich durch Männer besetzt bleibt und weiterhin Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Ein aktuelles Beispiel, welches die Position der Wissenschaftlerin in der deutschen Gesellschaft widerspiegelt, bietet ein Video, welches aus der Talkshow “Markus Lanz” stammt. Es zeigt die Virologin Melanie Brinkmann, welche sich zur Covid 19 Pandemie äußert und dabei immer wieder von den restlichen männlichen Gästen der Talk-Runde unterbrochen wird (hier der dazu passende Twitterpost):

Das Video, aber auch die zuvor erläuterten Statistiken zeigen deutlich, dass Wissenschaftlerinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen immer noch für ihre Position und Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen müssen und das nur, weil sie Frauen sind. Der Fortschritt: sie werden für ihr Wissen zumindest nicht mehr verbrannt.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern in der Wissenschaft macht zudem deutlich, dass es bei den Hexenverfolgungen nicht nur um das Wissen und die damit einhergehende Macht ging, für die Frauen als Hexen gejagt wurden und in einigen Teilen der Welt noch werden. Denn mittlerweile vertrauen die Menschen den Wissenschaftler:innen und ihren Erkenntnissen, welche in der heutigen Gesellschaft wohl das Äquivalent zu den Menschen darstellen, welche durch ihr Wissen eine gewisse Machtposition einnehmen.

Auch früher gab es Fälle, in welchen Hexen dank ihrer Heilfähigkeiten von Gemeinden anerkannt wurden. Andererseits galten sie als arme, meist alte Frauen, welche bei ausbleibender Hilfe von ihrer Nachbarschaft bedroht und verflucht wurden und sich gegen ihre Unterdrückung wehrten. Ihr Zorn gegen die Gesellschaft und ihre Verbitterung entstammte meist der Ungerechtigkeit, mit welcher sie behandelt wurden. 

Hexen und ihr Widerstand gegen die Armut, gegen die Unterdrückung in der Ehe sowie ihrer eigenen Sexualität bildeten eine Bedrohung für die Entwicklung des Kapitalismus, für lokale und nationale Machtstrukturen. Die Elite fürchtete eine Anstiftung zur Revolution und brachte daher die lautesten Stimmen zum Schweigen. Des Weiteren wurden Hexen verbrannt, um den Glaube an die magische Konzeption des Körpers aus dem Mittelalter zu vernichten, denn dies waren Mächte des Körpers, die sich nicht ausbeuten ließen. Stattdessen sollten disziplinierte Arbeiter:innen erschaffen werden.

Die `Rationalisierung der natürlichen Welt – die Voraussetzung für eine straffere Arbeitsdisziplin und die wissenschaftliche Revolution – geschah durch die Vernichtung der ‘Hexe’.

(Federici 2019, 43)

Doch inwiefern hat man es heute wirklich geschafft, diese magischen Mächte des Körpers, an die früher viel geglaubt wurde, zu eliminieren, sodass sie insbesondere dem Kapitalismus nicht mehr schaden? Verschwörungstheorien, esoterische Heilpraktiken und andere alternative Anschauungen werden zwar zumeist von der Wissenschaft widerlegt, jedoch gilt diese Begründung nicht für diejenigen, die der Wissenschaft sowieso kein Vertrauen schenken. Auch die wiederauflebende Kultur der Hexen, Hexer und Wicca zeigt, dass es auch in unserer modernen westlichen Gesellschaft Versuche gibt, die magischen Körperkonzepte zurückzugewinnen. Das Konzept der Wissenschaft, welches eben jene Glaubensansätze widerlegt, dient somit in gewisser Weise kapitalistischen Zwecken.

Damit stellt sich die Frage, inwiefern Wissenschaftler:innen überhaupt mit den damaligen Hexen in Verbindung gebracht werden sollten, oder ob sie heute nicht vielmehr die Werte verkörpern, für die frühere Hexen unter anderem ihr Leben ließen. Stattdessen lohnt sich ein Blick auf heutige Feminismus-Bewegungen, die zum Teil auch das Bild der Hexe dazu nutzen, sich als Frauen zu emanzipieren. Anstatt als Hexe beschimpft zu werden, benennen sie sich selbst als Hexen* und bemühen sich darum, das gesellschaftliche Bild der Hexe neu zu konnotieren. Interessanterweise scheint zudem für manche Menschen im Kopf eine Gleichstellung zwischen den damaligen Hexen und den heutigen Feminist:innen zu existieren. Dies wirft die Frage auf, inwiefern nicht vielleicht Feminismus in Bezug zur Hexenverfolgung im 15. und 16. Jahrhundert gesehen werden könnte.

Heutige Feministinnen (https://ze.tt/ohne-feminismus-laesst-sich-die-welt-nicht-retten/ Abruf am 23.05.2021)

Und was heißt das jetzt?

In der heutigen westlichen Welt gibt es keine offizielle Hexenverfolgung mehr, wie sie durch die Historie definiert ist. Doch trotz des „Fortschritts“ werden auch heute noch Frauen benachteiligt und für ihr Wissen verurteilt oder aber es wird ihnen als “schwaches Geschlecht” schlicht abgesprochen. Demnach geht es sowohl während der historischen Hexenverfolgungen als auch bei den heutigen zum Teil vertretenen Meinungen über Frauen nicht nur unbedingt um das Wissen an sich und die damit einhergehende Macht, sondern viel mehr um eine allgemeine Unterdrückung und Kleinhaltung der Frauen, insbesondere der emanzipierten und klugen. Die Gegenbewegung dazu ist der Feminismus, wo die Tatsache, eine Frau zu sein, mit Stolz getragen wird.

Unsere Quellen

Anna S. Roger, APPROPRIATION OF THE ‘WITCH’ STIGMA AS WHITE WOMEN’S SELF-EMPOWERMENT, South Carolina, 2019. 

Anonym, “Die Toskana hat auch ihre Hexen. Geschichte von Monna Gonstanza aus Libbiano, der Hexe von San Miniato”, in: It’s Tuscany, 25.12.2018; https://www.itstuscany.com/de/auch-die-toskana-hat-seinen-bezaubert/ Abruf am 22.05.2021.

Anonym, “Frauen in der Wissenschaft”, in: Deutsche UNESCO-Kommission; Wissenschaft | Deutsche UNESCO-Kommission, Abruf am 02.05.2021.

Anonym, “Gonstanza da Libbiano”, in: Filmdienst; https://www.filmdienst.de/film/details/514743/gostanza-da-libbiano, Abruf am 22.05.202.

Anonym, “Hexen in der heutigen Zeit”, in: Hexe-isabeau; http://hexe-isabeau.de/hexen-in-der-heutigen-zeit/, Abruf am 22.04.2021. 

BreAnna Bell, “How Hollywood Has Failed Black Witches, According to Real Black Witches”, in: Variety, 30.10.2020; https://variety.com/2020/film/news/how-hollywood-has-failed-black-witches-1234819770/, Abruf am 22.04.2021.  

Brigitta Rogenmoser, “Hexentum”, in: Zauberkreis; https://www.zauberkreis.ch/hexentum/, Abruf am 22.04.2021.

Clarissa Schott, “Hexerei – Was machen eigentlich moderne Hexen?” in: Querschreiber, 08.12.2019; https://www.querschreiber.net/2019/12/08/hexerei-was-machen-eigentlich-moderne-hexen/, Abruf am 22.04.2021.

Christina Danetzky, “Moderne Hexen: Was bedeutet das Wort Hexe für dich?”, in: Matcha Mornings, 25.10.2020; https://matchamornings.de/wellnessjournal/moderne-hexen, Abruf am 22.04.2021.

Ina Lohaus, “Rezension: Erste Frauen an der Universität”, in: Forschung & Lehre. Alles was die Wissenschaft bewegt, 13.07.2018; https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/erste-frauen-an-universitaeten-818/, Abruf am 02.05.2021.

Robert Herrit, “When Technology Ceases to Amaze”, in: The New Atlantis, Winter 2014, No. 41, 121-131.

Silvia Federici, Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien, Mandelbaum 82020.

Silvia Federici, Hexenjagd. Die Angst vor der Macht der Frauen, Münster, Unrast 2019.

Sophia Boddenberg, “Sollte Hausarbeit bezahlt werden?”, in: Deutschlandfunk Kultur, 13.01.2019; https://www.deutschlandfunkkultur.de/feministin-silvia-federici-sollte-hausarbeit-bezahlt-werden.2162.de.html?dram:article_id=438115, Abruf am 23.05.2021.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s